
Bonus: Coolcation – Warum der Strand verliert und die Berge gewinnen
Der Gast von morgen bucht nicht mehr Sonne und Sandstrand. Er bucht Abkühlung, Stille und frische Luft – und er ist bereit, dafür zu zahlen.
Manuel Ribis
Es hat einen Namen bekommen, was viele Hoteliers in alpinen Regionen schon seit ein paar Sommern spüren: Coolcation. Das Kunstwort aus „cool“ und „vacation“ beschreibt einen der stärksten Reisetrends unserer Zeit. Menschen flüchten aus der Hitze – weg vom überfüllten Mittelmeer, weg vom glühenden Asphalt der Städte, hin zu Bergluft, Gletscherseen und nordischen Fjorden.
Was lange wie eine Nischenerscheinung aussah, ist inzwischen mit harten Zahlen unterlegt. Und wer in den Alpen oder im alpinen Norden ein Hotel betreibt, sollte diese Zahlen kennen.
Die Hitze als Reisemotiv – was die Daten zeigen
Suchanfragen nach kühleren Reisezielen sind im Jahresvergleich um 300 Prozent gestiegen – das ist kein Ausreißer, das ist ein Strukturwandel. Booking.com hat festgestellt, dass im Sommer 2025 bereits 42 Prozent der weltweiten Reisenden aktiv nach Zielen mit kühlerem Wetter gesucht haben. Nicht als Kompromiss. Als Erstwunsch.
Nordische Länder verzeichnen zwischen 2024 und 2026 ein Wachstum der Sommerbuchungen von 312 Prozent. Das Luxusreise-Netzwerk Virtuoso meldet einen Anstieg der Reisen nach Norwegen und Island um 263 Prozent. Flüge von Rom nach Göteborg: plus 507 Prozent. Von Bologna nach Stockholm: plus 412 Prozent. Die Zahlen klingen abstrus – aber sie sind gemessen, nicht hochgerechnet.
Die Europäische Reisekommission (ETC) hat 2025 europäische Reisende befragt. Ergebnis: 81 Prozent passen ihr Reiseverhalten wegen des Klimawandels an. 15 Prozent suchen gezielt kühlere Klimazonen. 14 Prozent meiden Ziele, die anfällig für extreme Hitze sind.
Das ist keine Meinungsumfrage über Zukunftspräferenzen. Das ist eine Bestandsaufnahme von verändertem Buchungsverhalten, das bereits stattfindet.
Warum der Strand gerade verliert
40 Grad in der Hauptsaison. Strände so voll, dass man kaum Platz zum Hinlegen findet. Klimaanlagen, die rund um die Uhr laufen und trotzdem nicht reichen. Städte, in denen man zwischen 11 und 18 Uhr nicht draußen sein kann. Das ist die Realität an vielen Mittelmeer-Destinationen geworden – und Urlauber merken es.
Griechenland, Spanien, südliche Türkei – diese Reiseziele kämpfen mit einem Problem, das sie sich nicht ausgesucht haben. Hitzewellen im August sind keine Ausnahme mehr, sie sind Plan. Das verändert, was ein „schöner Urlaub“ bedeutet. Wer sich eine Woche lang nur zwischen Pool und klimatisiertem Zimmer bewegen kann, stellt irgendwann die Frage: War das das wert?
Dazu kommt das Massentourismus-Problem. Die bekanntesten Strandziele haben sich in den letzten Jahren selbst überlastet. Santorini, Dubrovnik, Barcelona – Orte, die vor zehn Jahren als Traumziele galten, stehen heute für Gedränge, überteuerte Gastronomie und das Gefühl, einer von Zehntausenden zu sein. Das Gegenteil von Erholung.

Was die Alpen und der Norden bieten – und warum das zieht
Ein alpines Hochtal im Juli hat Durchschnittstemperaturen zwischen 14 und 20 Grad. 10 bis 15 Grad kühler als im Mittelmeerraum. Frische Luft statt Smog. Wanderwege statt Strandliegen. Seen, die so klar sind, dass man den Grund sieht. Und eine Stille, die es in überfüllten Strandorten nicht gibt.
Laut einer Sommerpotenzial-Studie 2025 planen rund 43 Millionen Menschen aus zehn europäischen Märkten einen Berg-, Wander- oder Mountainbike-Urlaub. Österreich ist dabei in allen zehn Märkten unter den Top-5-Bergdestinationen. Das ist eine Ausgangslage, die andere Regionen nicht haben.
Skandinavische Airlines haben in ihren Buchungsdaten gesehen, dass der Sommer-Nordstrom real ist: Flüge aus Frankreich nach Norwegen plus 22 Prozent. Ankünfte aus Spanien, Italien und Frankreich in Stavanger plus 38 Prozent. Das sind keine Touristen, die schon immer Norwegen besucht hätten. Das sind Mittelmeer-Stammgäste, die umschwenken.
Was sich verändert – und was das für Betriebe bedeutet
Der Coolcation-Gast ist kein neuer Gast. Er ist ein bekannter Gast mit veränderten Erwartungen – und mit einer neuen Bereitschaft, für das Richtige zu zahlen. Er kommt nicht mehr nur im Winter zum Skifahren. Er entdeckt den Sommer in den Bergen neu. Und er googelt nicht „günstiger Sommerurlaub“ – er googelt „kühle Destinationen Sommer“ und „Wanderurlaub Alpen“.
Das bedeutet: Wer bisher nur auf den Wintertourismus optimiert hat, hat jetzt eine echte Chance, den Sommer zu einem gleichwertigen zweiten Standbein zu machen. Die Nachfrage kommt. Die Frage ist, wer sie abholt.
Gleichzeitig verschiebt sich der Buchungszeitpunkt. Die Hitzewellen-Berichterstattung im Frühjahr treibt spontane Sommerbuchungen in kühlere Regionen hoch. Wer in der zweiten Maihälfte noch kurzfristige Verfügbarkeiten anbietet und entsprechend kommuniziert, kann von diesem Effekt direkt profitieren.
Und dann ist da noch die Saisonverschiebung. Die traditionelle Hauptsaison Juli-August verliert in heißen Regionen, aber Juni und September werden in alpinen Gebieten attraktiver – für Gäste und für Betriebe, weil die Auslastung sich gleichmäßiger verteilt. Schulterzeit wird zur neuen Hochsaison. Nicht überall. Aber in den richtigen Lagen.

Die andere Seite: Was die Alpen selbst gerade erfahren
Es wäre unehrlich, nur die Chance zu beschreiben und nicht die Ambivalenz. Die Alpen erwärmen sich fast doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Die Schweiz hat seit vorindustrieller Zeit bereits 2,9 Grad zugelegt – verglichen mit 1,3 Grad weltweit. Das Sommer-Halbjahr 2025 war im Alpenraum eines der zehn wärmsten seit Messbeginn.
Gletscher schmelzen. Einige Skigebiete kämpfen mit der Frage, ob der Winter lang genug bleibt. Und auch alpine Täler werden in Zukunft häufiger mit Hitzestress konfrontiert sein – nicht so extrem wie der Mittelmeerraum, aber spürbar.
Das bedeutet: Wer heute in alpine Sommerangebote investiert, investiert in einen Trend, der real ist – und in eine Destination, die selbst vor Veränderungen steht. Wer das weiß, kann bewusster planen. Wer es ignoriert, wird früher oder später von der Realität eingeholt.

Hausaufgabe
- Schau dir deine Sommer-Buchungsstatistik der letzten drei Jahre an: Welche Märkte wachsen, welche schrumpfen?
- Überprüfe deine Sommer-Kommunikation: Sprichst du die Coolcation-Motivation überhaupt an – oder verkaufst du immer noch „Bergurlaub“ ohne den Temperatur-Kontrast zu nutzen?
- Analysiere deine Schulterzeit-Auslastung: Juni und September könnten für dich mehr Potenzial haben als du bisher angenommen hast.
Der Klimawandel ist keine Bedrohung für alpine Betriebe – er ist ein Umverteilungsprozess. Die Frage ist nur, ob du auf der richtigen Seite davon stehst.
Manuel Ribis
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