
Bonus: Amerika macht dicht – wie Politik einen ganzen Tourismus-Sektor ruiniert
„Wir können live dabei zusehen, was passiert, wenn ein Land seine Gäste vergisst.“
Manuel Ribis
Die Zahlen sind eindeutig. 2025 verloren die USA rund vier Millionen internationale Besucher. Buchungen aus Kanada brachen um bis zu 43 Prozent ein. Deutschland minus 12 Prozent, Frankreich minus 7 Prozent. Der WTTC – der Weltrat für Reisen und Tourismus – bezeichnete Amerika als das einzige Land unter 184 untersuchten Staaten, das einen Rückgang der internationalen Besucherausgaben verbucht hat. Weltweit wächst der Tourismus. Nur in den USA schrumpft er.
Das ist kein statistisches Rauschen. Das ist eine Branche im freien Fall.
Und der Einbruch setzt sich fort. Im April 2026 lagen die internationalen Ankünfte bereits 14 Prozent unter dem Vorjahr. Tourism Economics, die führende Analysefirma der Branche, hatte ursprünglich ein Plus von neun Prozent prognostiziert. Die aktuelle Schätzung: minus 8,2 Prozent. Eine Korrektur von fast 20 Prozentpunkten.
Wir reden von bis zu 29 Milliarden Dollar verlorenen Einnahmen. Allein 2025.
Was hier eigentlich passiert
Tourismus ist Vertrauen. Gäste kommen nicht wegen des Wetters – na gut, manchmal schon. Aber sie kommen vor allem weil sie sich willkommen fühlen. Weil sie sich sicher fühlen. Weil die Einreise reibungslos ist und niemand ihnen das Gefühl gibt, ein Sicherheitsrisiko zu sein.
Genau das ist in den USA kollabiert.
Einreiseverbote für Bürger aus mehr als einem Dutzend Ländern. Aussetzung der Visavergabe für 75 Staaten. Verschärfte Grenzkontrollen inklusive Durchsuchung von Mobiltelefonen. Berichte über willkürliche Festnahmen an der Grenze. China hat eine offizielle Reisewarnung für die USA herausgegeben. Kanada und mehrere europäische Länder haben ihre Sicherheitshinweise aktualisiert.
Und dann noch die Zölle. Die treffen nicht nur Waren – sie treffen auch die Stimmung. Wer seinen Handelspartner mit hohen Abgaben bestraft, darf sich nicht wundern, wenn dessen Bürger lieber woanders Urlaub machen.
Das Ergebnis: Die USA gelten international als unwirtlicher Ort. Nicht aufgrund einer konkreten Gefahr – sondern aufgrund eines diffusen Unbehagens. Und diffuses Unbehagen reicht aus, um Millionen Buchungen zu verhindern.

Was das mit dem kleinen Privatzimmervermieter macht
Stell dir vor: Du betreibst ein charmantes Gästezimmer in Vermont. Oder eine kleine Lodge in Montana. Oder ein Bed-and-Breakfast in New Orleans. Dein Geschäftsmodell lebt vom internationalen Gast – von den Kanadiern, die gerne über die Grenze fahren, von den Deutschen die Amerika als Traumreiseziel hatten, von den Australiern die schon seit Jahren kommen.
Diese Gäste bleiben jetzt weg. Nicht weil dein Zimmer schlechter geworden ist. Nicht weil dein Service nachgelassen hat. Sondern weil die Politik des Landes, in dem du lebst, diese Gäste vergrault.
Du hast null Einfluss darauf. Null.
Der kleine Vermieter hat weder die Marketingreichweite um gegenzusteuern, noch das Kapital um einen langen Einbruch zu überbrücken. Er hat kein Revenue-Management-Team, keine Loyalty-Programme, keine Corporate-Deals die den Ausfall abfedern. Was er hat: leere Zimmer und laufende Kosten.
Las Vegas – eines der am stärksten besuchten Reiseziele der Welt – verzeichnete bis Juli 2025 einen Rückgang der Hotelauslastung von mehr als zwölf Prozent. Stell dir vor was das für die hunderten kleinen Unterkünfte im Einzugsgebiet bedeutet.

Was das mit dem großen Hotelkonzern macht
Die Ketten haben mehr Puffer. Aber die Probleme sind komplexer.
Zuerst das Offensichtliche: Die Auslastung sinkt. RevPAR – der Umsatz pro verfügbarem Zimmer – fiel im März 2025 um über vier Prozent. Das klingt nicht dramatisch bis man weiß, dass die gesamte Kalkulationsbasis der Hotelkonzerne auf stabilen RevPAR-Wachstumsraten aufgebaut ist. Vier Prozent nach unten bedeutet bei einem Großhotel mit 500 Zimmern schnell Millionenverluste.
Dann kommen die Zölle noch als zweite Welle. Stahl und Aluminium für Renovierungen, Möbel und Einrichtung aus dem Ausland, Kaffeemaschinen, Tischwäsche, Küchengeräte – alles teurer. Die operativen Kosten steigen genau dann, wenn die Einnahmen fallen. Eine klassische Schere.
Was machen die Konzerne? Sie senken Preise um Auslastung zu retten – und drücken damit die Margen. Oder sie halten Preise – und verlieren Belegung. Es gibt keinen guten Ausweg aus dieser Zwickmühle.
Die Großen überleben das. Aber sie investieren weniger, renovieren langsamer, bauen Stellen ab.

Was das mit den Mitarbeitenden macht
Das ist der Teil, über den am wenigsten gesprochen wird.
Die Hotellerie in den USA beschäftigt direkt und indirekt über 15 Millionen Menschen. Das sind Empfangsmitarbeitende, Küchenkräfte, Reinigungskräfte, Techniker, Concierge-Teams, Fahrer, Veranstaltungstechnik. Die meisten dieser Stellen sind nicht besonders gut bezahlt. Viele davon sind gerade für Immigrant Communities der wichtigste Einkommensweg.
2025 hat die Beherbergungsbranche erstmals seit der Pandemie Stellen abgebaut. In manchen Regionen brutal schnell.
Und das trifft eine Belegschaft, die bereits geschwächt ist. Die Pandemie hat die Fluktuation in der Branche auf Rekordhöhen getrieben. Viele erfahrene Kräfte haben das Gastgewerbe verlassen und sind nie zurückgekommen. Die verbleibenden Teams arbeiten seit Jahren am Limit. Jetzt kommen Kurzarbeit und Entlassungen dazu.
Was für den Manager ein Auslastungsproblem ist, ist für die Reinigungskraft der Verlust ihrer Schichten. Was für den CFO eine RevPAR-Korrektur ist, ist für die Empfangsmitarbeiterin das Ende ihres Jobs.
Was österreichische Hoteliers davon lernen können
Wir schauen auf Amerika und denken: Das kann uns nicht passieren. Europa ist stabil, unsere Märkte sind verlässlich, unsere Gäste kommen trotzdem.
Vielleicht. Aber die Lektion aus dem US-Tourismus-Kollaps ist universell.
Erstens: Tourismus lebt von Vertrauen und Willkommenskultur. Nicht von Marketingbudgets. Nicht von Sternekategorien. Sobald ein Land oder ein Betrieb dieses Vertrauen beschädigt – durch Politik, durch schlechten Service, durch Arroganz gegenüber dem Gast – ist der Schaden schnell und tief. Aufgebaut wird Vertrauen in Jahren. Zerstört in Monaten.
Zweitens: Externe Faktoren können dein Geschäft zerstören, ohne dass du etwas falsch gemacht hast. Das klingt fatalistisch – ist es aber nicht. Es ist ein Argument für Resilienz. Für breite Märkte statt Abhängigkeit von einer Herkunft. Für Direktbuchungen statt OTA-Abhängigkeit. Für Stammgäste die auch dann kommen wenn die Weltlage ungemütlich ist.
Drittens: Die Mitarbeitenden sind das Erste was leidet – und das Letzte worüber die Branche spricht. Wer seinen Betrieb langfristig stabil halten will, braucht Bindung und Loyalität im Team. Nicht als Nice-to-have. Als strategische Priorität.
Und viertens – das ist die unbequeme Wahrheit: Ein Tourismussektor, der von der Politik abhängig ist und keine eigene Lobby hat, ist verletzlich. Die USA erleben das gerade hautnah.
Hausaufgabe
- Prüf deine Herkunftsmärkte: Welche Nationalitäten buchen bei dir? Was passiert wenn eine davon wegfällt?
- Schau dir deine Direktbuchungsquote an. Wie abhängig bist du von OTAs – und von politischen Rahmenbedingungen die du nicht kontrollierst?
- Sprich mit deinem Team. Nicht über Auslastung – über Sicherheit und Perspektive. Loyalität ist kein Selbstläufer.
„Wer seine Gäste nicht will, verliert sie. Und Gäste die einmal weg sind, sind schwer zurückzuholen.“
Manuel Ribis
Du willst wissen wie resilient dein Betrieb wirklich aufgestellt ist? Meld dich. Gemeinsam schauen wir wo die echten Hebel liegen.